Atelier UhrwerkAntike Uhren · Pflege & Reparatur

Kapitel 02

Häufige Defekte und ihre Ursachen

Die meisten Uhren bleiben nicht stehen, weil etwas zerbrochen ist, sondern weil etwas verschlissen, verharzt oder verstellt ist. Wer die typischen Fehlerbilder kennt, findet die Ursache schneller - und repariert gezielt statt auf Verdacht.

Eine mechanische Uhr ist ein fein abgestimmtes System aus Reibung, Drehmoment und Schwingung. Schon kleine Veränderungen - ein zähes Öl, ein um Zehntelmillimeter geweitetes Lager - summieren sich, bis die Energie nicht mehr bis zur Hemmung durchkommt. Im Folgenden die häufigsten Ursachen, geordnet von „harmlos und alltäglich“ bis „handfester Schaden“.

1. Verharztes und verschmutztes Öl

Mit Abstand die häufigste Ursache. Uhrenöl altert: Über Jahre verdunsten die leichten Bestandteile, Staub bindet sich ein, und aus dem dünnen Schmierfilm wird eine klebrige, harzige Masse. Diese erhöht die Reibung in den Lagern so stark, dass das schwächste Glied - meist die Hemmung - nicht mehr genug Energie erhält. Die Uhr läuft unregelmäßig, bleibt nach einigen Stunden stehen oder springt gar nicht erst an.

Typisches Zeichen: Die Uhr läuft frisch aufgezogen noch ein Weilchen und bleibt dann stehen, sobald das Drehmoment der Feder nachlässt. Abhilfe schafft fast immer eine vollständige Reinigung mit anschließender Neuölung - nicht etwa ein „Nachölen“ über das alte Harz hinweg.

Das Räderwerk - der Kraftfluss Federhaus Minutenrad Kleinbodenrad Sekundenrad Hemmungsrad Kraft fließt von der Zugfeder über die Räder zur Hemmung
Im Räderwerk wird die Energie vom Antrieb zur Hemmung übersetzt. Jedes verharzte Lager in dieser Kette kostet Kraft - am Ende fehlt sie der Hemmung.

2. Ausgeschlagene Lager und Lagersteine

Die Zapfen der Räder laufen in Lagern der Platinen - bei einfachen Werken in Messingbohrungen, bei feineren in Lagersteinen (Rubinen). Über Jahrzehnte weitet sich die Bohrung durch Reibung zu einem Langloch. Das Rad steht dann schräg, die Zahneingriffe verschlechtern sich, und im Extremfall „kippt“ das Räderwerk unter Last.

Erkennbar ist das an seitlichem Spiel der Welle und an oval ausgelaufenen Bohrungen. Die fachgerechte Lösung ist das Ausbüchsen: Die geweitete Bohrung wird aufgerieben und eine neue Messingbuchse eingesetzt, die anschließend auf das richtige Maß gerieben wird.

3. Gebrochene oder erlahmte Zugfeder

Bei federgetriebenen Uhren ist die Zugfeder ein Verschleißteil. Sie kann brechen - dann lässt sich die Uhr gar nicht mehr aufziehen oder verliert schlagartig ihre Kraft - oder sie „ermüdet“ und liefert über die Laufzeit zu wenig Drehmoment. Eine gebrochene Feder muss ersetzt werden; das Einsetzen erfolgt mit einem Federwinder, niemals mit bloßen Händen.

Lebensgefahr für Finger und Augen

Eine gespannte Zugfeder enthält die gesamte gespeicherte Antriebsenergie. Reißt sie aus dem Federhaus oder schnappt sie beim Hantieren auf, kann sie tiefe Schnittverletzungen verursachen und Splitter durch den Raum schleudern. Vor jeder Arbeit am Federhaus die Feder kontrolliert ablaufen lassen und ausschließlich mit Federwinder arbeiten.

4. Hemmungsfehler

Die Hemmung ist hochpräzise und entsprechend empfindlich. Typische Probleme: abgenutzte oder verschmutzte Paletten, ein verbogener Anker, falsches Eingriffsspiel zwischen Anker und Hemmungsrad oder beschädigte Zähne am Hemmungsrad. Folge ist ein unregelmäßiger Gang, ein „Flattern“ oder ein sofortiges Stehenbleiben.

Die Ankerhemmung Eingangs-Palette Ausgangs-Palette Anker Pendel-Anbindung Hemmungsrad
Anker und Paletten greifen abwechselnd in das Hemmungsrad. Schon geringe Abnutzung der Palettenflächen stört das fein justierte Spiel.

5. Uhr läuft „außer Schlag“

Ein klassischer, oft harmloser Fehler bei Pendeluhren. „Im Schlag“ bedeutet, dass das Ticken links und rechts gleich klingt - die Hemmung gibt symmetrisch frei. Klingt der Takt unregelmäßig („tick…tack tick…tack“), läuft die Uhr außer Schlag und bleibt leicht stehen. Ursache ist meist eine leicht schiefe Aufstellung oder ein verstellter Hebel. Oft genügt es, die Uhr exakt auszurichten oder die Aufhängung nachzujustieren.

6. Verschleiß im Schlagwerk

Schlägt die Uhr falsch - zu oft, zu selten, gar nicht oder zur falschen Stunde -, liegt das Problem im separaten Schlagwerk mit seinen Hebeln, Staffel- oder Schlossscheiben. Hier sind Verschleiß, ausgehängte Hebel und verbogene Auslöseteile häufig. Das Räderwerk des Gehwerks kann dabei völlig in Ordnung sein.

Fehlersuche mit System

Symptom → wahrscheinliche Ursache
SymptomHäufige UrsacheErste Maßnahme
Bleibt nach Stunden stehenVerharztes Öl, LagerverschleißReinigung & Neuölung
Springt gar nicht anHemmungsspiel, außer SchlagSchlag prüfen, Hemmung kontrollieren
Lässt sich nicht aufziehenGebrochene Zugfeder, SperrkegelFederhaus & Sperrung prüfen
Geht stark vor/nachPendellänge, UnruhregulierungReguliereinrichtung justieren
Schlägt falschSchlagwerk, Hebel ausgehängtSchlagwerk separat prüfen
Ungleichmäßiges TickenUhr läuft außer SchlagAufstellung ausrichten

Grundregel der Diagnose

Erst beobachten, dann zerlegen. Viele „Defekte“ sind in Wahrheit Folgen von Verschmutzung oder falscher Aufstellung. Ein methodischer Blick auf Antrieb, Räderwerk, Hemmung und Aufstellung spart viel unnötige Schrauberei.