Atelier UhrwerkAntike Uhren · Pflege & Reparatur

Kapitel 01

Uhrentypen im Überblick

Form folgt Funktion - und Region. Über Jahrhunderte haben sich ganze Uhrenlandschaften herausgebildet, vom Schwarzwald bis nach Wien. Wer eine alte Uhr restaurieren will, sollte zuerst wissen, womit er es zu tun hat.

Die Bauform einer Uhr verrät viel über ihr Innenleben: Welcher Antrieb verwendet wird - Gewichte oder Zugfeder -, wie das Schlagwerk aufgebaut ist, welche Hemmung verbaut wurde und wie empfindlich das Werk auf Transport und falsche Pflege reagiert. Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten Typen ein, mit denen man im deutschsprachigen Raum am häufigsten zu tun hat.

Standuhr

Gehgenauigkeit · Gewichtsantrieb · ab ca. 1670

Die große Bodenstanduhr mit langem Pendel und Gewichten im hohen Gehäuse. Das lange Sekundenpendel erlaubt eine sehr ruhige, genaue Gangregelung. Empfindlich gegen schiefen Stand und beim Transport - Pendel und Gewichte müssen stets gesichert werden.

Wiener Regulator

Wanduhr · Gewichtsantrieb · 19. Jahrhundert

Schlanke, hochwertige Wanduhr aus dem Wiener Raum, berühmt für ihre Präzision. Feines Werk, Sekundenpendel, oft mit Halbstunden- oder Stundenschlag. Verlangt eine exakt senkrechte Montage, damit das Pendel „im Schlag“ läuft.

Comtoise

Franche-Comté · Gewichtsantrieb · 18.–19. Jh.

Die charakteristische französische Bodenstand- bzw. Wanduhr mit geschwungenem Pendel und massivem Eisenwerk. Robust gebaut, oft mit auffälligem Messing-Zifferblattkranz und lautem Schlagwerk. Gut für Einsteiger zu warten, weil das Werk großzügig dimensioniert ist.

Kuckucksuhr

Schwarzwald · Gewichtsantrieb · ab ca. 1850

Die Schwarzwälder Ikone mit Holzgehäuse, Tannenzapfengewichten und Balgwerk, das den Kuckucksruf erzeugt. Mechanisch anspruchsvoll wegen des zusätzlichen Ruf- und Türmechanismus. Empfindliche Blasebälge und feine Drahtgestänge erfordern Fingerspitzengefühl.

Tisch- & Kaminuhr

Federantrieb · Pendel oder Unruh · 18.–20. Jh.

Sammelbegriff für freistehende Uhren - Stutzuhr, Kaminuhr (Pendule), Pendule-Garnitur. Angetrieben von einer Zugfeder im Federhaus, oft mit kurzem Pendel und aufwendigem Gehäuse aus Bronze, Holz oder Marmor. Hier ist Vorsicht mit der gespannten Feder geboten.

Taschenuhr

Federantrieb · Unruh · 18.–20. Jh.

Die tragbare Uhr mit Unruh statt Pendel. Statt der Schwerkraft regelt eine Spiralfeder den Gang. Sehr kleine, filigrane Bauteile - Restaurierung verlangt Lupe, ruhige Hand und passendes Feinwerkzeug. Gehäuseformen vom Spindelwerk bis zum Ankergang.

Antrieb: Gewichte oder Zugfeder

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal im Inneren ist die Energiequelle. Gewichtsgetriebene Uhren - Standuhr, Regulator, Comtoise, Kuckucksuhr - beziehen ihre Kraft aus herabsinkenden Gewichten. Sie liefern ein sehr gleichmäßiges Drehmoment und sind dadurch oft genauer, brauchen aber Fallhöhe und müssen aufgezogen werden, indem man die Gewichte hochzieht.

Federgetriebene Uhren - Tisch-, Kamin- und Taschenuhren - speichern Energie in einer aufgewickelten Zugfeder. Das macht sie kompakt und transportabel, bringt aber zwei Herausforderungen mit sich: Das Drehmoment lässt zwischen den Aufzügen nach, und die gespannte Feder ist gefährlich, wenn man sie unkontrolliert freisetzt.

Pendel oder Unruh

Genauso grundlegend ist der Gangregler. Ortsfeste Uhren nutzen ein Pendel, dessen Schwingungsdauer von seiner Länge abhängt - deshalb stellt man die Ganggenauigkeit über die Pendellinse ein. Tragbare Uhren können kein Pendel verwenden; sie regeln den Gang über eine Unruh mit Spiralfeder, die unabhängig von der Lage schwingt.

Aufbau eines typischen Pendelwerks: Federhaus bzw. Gewichtswelle, Räderwerk, Hemmung und Pendel zwischen den beiden Platinen.

Tipp zur Bestimmung

Bevor man ein Werk zerlegt, lohnt sich ein Blick auf Signaturen, Punzen und Werksnummern auf Platine und Zifferblatt. Sie helfen, Hersteller und Epoche einzugrenzen - und damit auch, welche Ersatzteile und welche Hemmungsbauart zu erwarten sind.